Sonntag, 27. November 2022

Im Kino: Rheingold

Fatih Akin erzählt nach einem autobiographischem Buch von Giwar Hajabi (Xatar) ziemlich episch Schlüsselszenen aus dessen Leben. Die Erzählung setzt schon sehr früh an, noch vor seiner Geburt (1981) in den iranisch-syrisch-türkischen Siedlungsgebieten, wo blanker Terror herrscht und der Protagonist in einer Höhle geboren wird, während draußen Kampfhandlungen stattfinden. Es gibt hier eindringliche, auch brutale Szenen. 

Die Eltern fliehen schließlich nach Bonn, doch sie trennen sich früh. Als junger Mann und Drogenhändler muss er sich durchsetzen, nimmt Kampfsport-Unterricht und schaltet eine Gang aus. Die Drogengeschäfte zwingen ihn jedoch, sich nach Amsterdam abzusetzen. Bei den dortigen kriminellen Geschäften kommt es jedoch zu einer Panne, bei der das Kokain verloren geht. Das bringt ihm hohe Schulden ein, so dass er mit Kumpanen in Deutschland einen Goldtransport überfällt. Sie müssen fliehen, werden jedoch später ausgeliefert. 

Im Knast beschäftigt er sich kompositorisch mit der Rap-Music und kann dank Beziehungen nach außen noch dort seine erste CD herausbringen lassen. 

Ein episodenhaft daherkommender, augenzwinkernder Gangsterfilm“, meint epd-film. Das trifft es schon ganz gut. 

Normalerweise würde ich mir so eine Geschichte gar nicht unbedingt ansehen, aber Akin kann eben inszenieren und findet oft die richtigen Bilder, die hier fast ausschließlich in einem abgeschotteten, authentisch wirkenden arabisch-kurdischen Milieu spielen.

Samstag, 26. November 2022

Bücherwelten: Lavie Tidhar's Roman „Central Station“

Der preisgekrönte SF-Roman (2016) des in Israel aufgewachsenen Autors spielt in Tel Aviv. Dort gibt es einen Raumflughafen, der neben den alten Vierteln kilometerhoch in den Himmel ragt. Ansonsten wirkt alles etwas marode in der Stadt, es gibt Ruinen, etwa die Hochtrassen alter Autobahnen. 

Tel Aviv ist Treffpunkt der Rassen und Kulturen. Längst sind die Grenzen zwischen biologischem Leben, Maschinenleben und virtuellem Leben verschwommen. Hinzu kommt außerirdisches Leben. Alles läuft in der Stadt herum, auch halbintelligente, ausrangierte Robots, die nach Ersatzteilen für sich selbst suchen. Aber auch die Menschen suchen nach biologischen oder mechanischen Ersatzteilen oder nach Aufrüstung ihres Hirns. 

Die Handlung des Romans wird weitgehend von Außenseitern und gestrandeten Personen bestritten, die irgendwie zurechtkommen müssen, mitunter Marotten haben, beispielsweise alte Bücher und Heftromane aus Papier sammeln. Auch ein junges virusinfiziertes Vampir-Mädchen kommt vor, das zwar beißt, aber vor allem Daten absaugt. Es kommt von einem anderen Planeten auf der Raumstation an und kann bei dem alten Büchersammler in der Wohnung unterschlüpfen. 

Der Roman ist eine gelungene Mischung aus SF, Fantasy, Gothic- und Cyberspace. Den John W. Campbell Memorial Award gewann das Buch wahrscheinlich nicht nur wegen dieser gelungenen Mischung, sondern auch wegen des warmen empathischen Schreibstils. Herr Mader hat ihn gut übersetzen können. 

Angenehm unkonventionelle Science-Fiction erster Güte mit einem schillernden Figuren-Ensemble“, meint treffsicher der medienjournal-blog.

Sonntag, 20. November 2022

Im Kino: Tausend Zeilen

Michael Bully Herbig's Film arbeitet einen realen deutschen Fall von Fake-Reportagen auf, die auch in renommierten Magazinen wie dem Spiegel erschienen sind (zum Fall siehe wikipedia). 

Dem preisgekrönten Jounalisten kommt ein anderer Reporter, der hier gleichzeitig als Familienvater versucht, Job und Familie unter einen Hut zu bekommen, auf die Schliche. Doch die Chefetage will von seinen Beweisen nichts hören, sonnt sich im Erfolg des Magazins. 

Der Film ist relativ unterhaltsam, doch aus meiner Sicht wird zu sehr mit Schablonen und Stereotypen gearbeitet. Die Beziehungen zwischen den handelnden Personen wirken – auf der Berufsebene - oft zu oberflächlich mit einer Tendenz zur Überspitzung. 

Artechock spricht von „einer gnadenlosen Bissigkeit gegenüber bestehenden Hierarchien“, die der Regisseur entfaltet.

Donnerstag, 17. November 2022

Im Kino: Crimes of the Future

Es war schon über 10 Jahre her, dass ich einen Film von David Cronenberg im Kino gesehen habe. Er hieß „Begierde“ (2011), und ich habe ihn noch nicht einmal unter die besten Filme des Kinojahres gewählt. Ungeachtet dessen zählt der Regisseur zu meinen Favoriten. 

Der neue Film von ihm ist stilistisch mehr Phantastik als Science Fiction. Er handelt von einem Underground-Kunst-Pärchen, das Organ-Operationen zu einer Kunstform stilisiert und diese live und im Netz vorführt. Dahinter stecken evolutionäre Entgleisungen, die den Schmerz ausschalten und neue Organe wachsen und bedingt steuerbar mutieren lassen. Die herangewachsene Organkunst im Körper kann dann operativ entfernt und den Zuschauer*innen gezeigt werden. Gleichzeitig erfährt der Operierte gewisse Lustgefühle, die sich auf die Zuschauer*innen übertragen. 

Der nunmehr bereits fast 80 Jahre alte Regisseur gilt als Mitbegründer des Body Horror, wofür Filme wie „Die Fliege“ (1986) standen. Seine Filme sind jedoch eher ein visuelles Erlebnis in Sachen Körperdeformation, ohne dass sie angstauslösende Horrorelemente haben. Ekelmomente können da schon häufiger vorkommen. 

Mit seinem neuen Film ist der Regisseur wieder zu Themen zurückgekehrt, für die er berühmt geworden ist. 

Aus meiner Sicht ist es ein ideentechnisch und visuell interessanter Film mit passablen Schauspieler*innen, der vielleicht ein paar dramaturgische Schwächen hat. 

Weitere Einzelheiten zu Film und Rezeption: siehe wikipedia.

Sonntag, 6. November 2022

Filmkonserve: Frank Darabont's „Der Nebel“

Ich musste mich mal wieder davon überzeugen, ob ich noch eine DVD ans Laufen kriege. Dies ist nämlich die erste DVD, die ich in diesem Jahr schaue, wenn ich mich nicht irre. Ich hatte Lust auf einen Phantastik-Film. 

Herrn Darabont's Creature-Horrorfilm sah ich in 2008 schon im Kino und bewertete ihn damals als einen Film, den ich noch einmal sehen wollte (weshalb ich auch die DVD habe), auch wenn ich ihn nicht zu den besten Filmen des Filmjahrs zählte. Heute war ich allerdings noch weniger überzeugt, einen guten Film zu sehen. 

Die Geschichte spielt weitgehend in einem Supermarkt, der von einem dichten Nebel eingefangen wird. Draußen gibt es eine leichte Panik, Gerüchte gehen um, der Nebel sei gefährlich, Böses lauere im Nebel. Man glaubt ihnen nicht, muss erst selbst erleben, dass fremdartige, blutgierige Tiere im Nebel umgehen und Opfer suchen. 

Im Laufe des Films sieht man riesige Insekten, Flugsaurier, tentakelbewehrte Viecher, groß wie King Kong, und es verbreitet sich die These, dass das Militär ein Tor in eine andere Dimension oder Parallelwelt geöffnet hat, aus dem die Ungeheuer in die Welt eingedrungen sind. 

Soweit so gut, mitunter gibt es beeindruckende Creature-Szenen im Film. Nur leider überwiegen aufgesetzte, eher dümmliche oder phantasielose Dialoge und stereotyp agierende, nicht übermäßig talentierte Gut- und Bösemenschen. Ursprünglich lediglich Kund*innen des Supermarkts, verfallen letztere dem archaisch-religiösem und aufwieglerischem Gebrabbel einer Frau über den Weltuntergang und Gottes Rache. 

Echt wahr, diesen Film muss ich ausmustern.